4. KAPITEL

 

DER ZWEITE VERSUCH

 

Was meine Augen nun sahen, besaß das Grausen eines Traumes im Traum mit der zusätzlichen Gewißheit der Wirklichkeit. Das Zimmer war so, wie ich es zuletzt gesehen hatte, nur daß die Schatten dem blendenden Licht der vielen Lampen gewichen waren und jegliches Ding sich deutlich und wirklich abzeichnete.

Neben dem leeren Bett saß Schwester Kennedy, wie ich sie zuletzt gesehen hatte, kerzengerade mit einem Kissen im Rücken. Doch ihr Hals war starr, als befände sie sich in kataleptischer Trance. Sie war schlicht und einfach zu Stein erstarrt. Dabei zeigte ihre Miene keine Absonderlichkeit, keine Angst, kein Entsetzen, nichts, was in einer solchen Situation zu erwarten gewesen wäre. Die offenen Augen spiegelten weder Verwunderung noch Interesse wider. Sie war einfach eine negative Existenz, warm, atmend, ruhig, jedoch völlig unbewußt, was die Vorgänge um sie herum betraf. Das Bettzeug war völlig durcheinander, so als hätte man den Patienten einfach unter der Decke hervorgezerrt. Ein Laken hing halb bis zum Boden. Daneben lag einer der Verbände, mit denen der Arzt das verletzte Gelenk umwickelt hatte. Ein zweiter und dritter lagen in einiger Entfernung auf dem Boden gleich einer Spur, die zum nunmehrigen Standort des Kranken führen sollte. Er lag fast genau an derselben Stelle wie in der Nacht zuvor, nämlich unter dem großen Safe. Wieder war der linke Arm zum Safe hin gerichtet. Doch hatte es einen zweiten Überfall gegeben, einen Versuch, den Arm knapp über dem Armband mit dem Schlüssel abzutrennen. Ein schweres »kukri«-messer – eines der blattförmigen Messer, die von Gurkhas und anderen indischen Gebirgsstämmen so wirkungsvoll benutzt werden – war von der Wand genommen und zu diesem Versuch verwendet worden. Es war deutlich zu sehen, daß die Waffe just im Augenblick des Zustechens innegehalten hatte, denn das Fleisch war bloß von einer Messerspitze und nicht von der Klinge getroffen worden. Die Außenseite des Armes war bis zum Knochen durchschnitten, und das Blut floß in Strömen. Die ältere Wunde an der Vorderseite des Armes war schrecklich eingerissen oder zerschnitten, wobei aus einem der Schnitte Blut im Rhythmus des Herzschlages spritzte. An der Seite ihres Vaters kniete Miß Trelawny, deren weißes Nachtgewand von dem Blut getränkt war, in dem sie kniete. Mitten im Zimmer stand Sergeant Daw in Hemd, Hose und Strümpfen. Er stand eben im Begriff ganz mechanisch seinen Revolver zu laden. Seine Augen waren rot und schlaftrunken. Er erweckte ganz den Eindruck, als befände er sich noch im Halbschlaf und nähme die Vorgänge um ihn herum nur halbbewußt auf. Ein paar Dienstboten drängten sich mit verschiedenen Beleuchtungskörpern im Eingang.

Als ich aufstand und näherging, hob Miß Trelawny den Blick. Kaum hatte sie mich gesehen, stieß sie einen Schrei aus und sprang auf, mit dem Finger auf mich deutend. Nie werde ich den sonderbaren Eindruck vergessen, den sie machte: das weiße Nachtgewand voller Blut, das ihr auf die nackten Füße lief, als sie sich aus der Blutlache erhob. Ich glaube, daß ich nur eingeschlafen war und daß jene Kraft, die Mr. Trelawny und Schwester Kennedy – in geringerem Ausmaß auch Sergeant Daw – beeinflußt hatte, mich unberührt ließ. Das Sauerstoffgerät hatte mir also einen guten Dienst geleistet, wenn es auch nicht die Tragödie hatte abwenden können, deren grausige Wirkung ich nun sah. Jetzt ist mir klar, welches Entsetzen mein Erscheinen hervorgerufen haben mußte – in Anbetracht des Vorangegangenen. Ich hatte noch immer die Sauerstoffmaske vor Mund und Nase, das Haar war wirr vom Schlaf.

Wie ich plötzlich verhüllt und zerzaust in die Mitte der entsetzten Schar trat, muß ich wohl einen außerordentlich schreckeneinflößenden Eindruck gemacht haben. Wie gut, daß ich dies alles rechtzeitig erfaßte und damit eine zweite Katastrophe verhinderte. Denn der noch benommene, mechanisch reagierende Detektiv lud nach und hob die Waffe gegen mich. Ich aber konnte noch rechtzeitig die Atemmaske herunterreißen und ihm zurufen, er möge einhalten. Auch in diesem Augenblick reagierte er automatisch. In den geröteten, schlaftrunkenen Augen war nicht die Spur bewußten Handelns zu entdecken. Doch die Gefahr war immerhin abgewendet. Die Lockerung der Situation wurde uns auf seltsame Weise bewußt gemacht. Mrs. Grant, die bemerkte, daß ihre junge Herrin nur mit dem Nachtgewand bekleidet war, hatte ihr einen Morgenmantel gebracht, den sie ihr nun überwarf. Diese schlichte

Handlung versetzte uns alle wieder zurück ins Reich der Tatsachen. Aufatmend machten wir uns alle daran, das Allerdringendste zu erledigen, nämlich den Blutstrom aus dem Arm des Verletzten zu stillen. Als der Moment des Handelns kam, war ich direkt froh, denn die Blutung war der beste Beweis dafür, daß Mr. Trelawny noch lebte.

Die sieben Finger des Todes
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